Das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer 2026 liefert erstmals eine breite wissenschaftliche Datengrundlage zu Konflikten und Gewalt an Berliner Schulen. Befragt wurden 14.115 Schülerinnen und Schüler sowie 2.579 Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende. Die Ergebnisse zeigen keine einheitliche Lage für alle Schulen. Sie machen aber sichtbar, welche Formen von Gewalt häufig vorkommen und wie stark Konflikte den Schulalltag belasten können.
Eine ungewöhnlich breite Datengrundlage
Berlin bezeichnet die Untersuchung als bundesweit erste umfassende Studie dieser Art auf Landesebene. Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 6, 9 und 12 sowie aus beruflichen Schulen wurden schriftlich befragt. Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende nahmen über einen Online-Fragebogen teil. Der Befragungszeitraum lag zwischen November 2025 und Januar 2026.
Die Studie erfasst unterschiedliche Perspektiven. Sie fragt nach Erfahrungen mit verbaler, sozialer, körperlicher und sexualisierter Gewalt, nach Konfliktursachen sowie nach der Wahrnehmung des pädagogischen Personals. Dadurch entsteht kein einzelner Sicherheitswert, sondern ein differenziertes Bild der Belastung.
Die Ergebnisse gelten für Berlin. Sie sollten nicht ohne weitere Daten auf andere Bundesländer oder einzelne Schulen übertragen werden.
Welche Erfahrungen Neuntklässler berichten
Für die neunte Klassenstufe veröffentlicht die Berliner Senatsverwaltung detaillierte Einzelwerte. Besonders häufig genannt werden Lästern mit 71 Prozent, Beleidigungen mit 63 Prozent und Schubsen mit 61 Prozent. Schreien nennen 56 Prozent, Blamieren 49 Prozent.
Auch schwerere Erfahrungen kommen vor. 26 Prozent berichten von Mobbing, 25 Prozent von Schlägen und 20 Prozent von sexistischen Kommentaren. Je 16 Prozent nennen Bedrohungen oder unangemessene Berührungen. Fünf Prozent berichten von Bedrohungen mit Waffen, vier Prozent davon, von Mitschülerinnen oder Mitschülern verprügelt worden zu sein.
Die Grafik bildet ausschließlich die von der Berliner Senatsverwaltung veröffentlichten Werte für die neunte Klassenstufe ab. Die Kategorien überschneiden sich; die Prozentwerte dürfen daher nicht addiert werden.
Lehrkräfte sehen eine wachsende Belastung
Auch die Perspektive des pädagogischen Personals ist deutlich. 38 Prozent bewerten Gewalt unter Schülerinnen und Schülern als großes Problem, weitere 18 Prozent als sehr großes Problem. 61 Prozent der Beschäftigten, die seit mehr als fünf Jahren an ihrer Schule arbeiten, berichten von einer Zunahme der Gewalt.
Besonders relevant für die Schulorganisation ist der Ressourcenverbrauch. An Schulen mit hoher Gewaltbelastung sagen 79 Prozent des pädagogischen Personals, dass der Umgang mit Gewalt den regulären Schulbetrieb stark belastet. 27 Prozent geben dort an, so stark mit akuten Konflikten beschäftigt zu sein, dass Zeit für Präventionsarbeit fehlt.
Die Berliner Bildungssenatorin verweist zusätzlich auf einen Befund, nach dem 80 Prozent der Lehrkräfte beobachten, dass Konflikte schneller eskalieren als noch vor wenigen Jahren. Diese Aussage beschreibt die Wahrnehmung der Befragten. Sie belegt keine einzelne Ursache für die Entwicklung.
Prävention und Intervention gehören zusammen
Die Untersuchung beschreibt ein Problem, das Schulen organisatorisch gut kennen: Akute Konflikte binden genau die Ressourcen, die für nachhaltige Prävention benötigt werden. Prävention kann deshalb nicht nur aus einzelnen Projekttagen bestehen. Sie braucht Zuständigkeiten, Zeit, erreichbare Beratungswege und klare Regeln für den Übergang zur Intervention.
Die Studienautoren verweisen auf Unterschiede zwischen Schulen und auf die Bedeutung konsequent angewandter Regeln. Schulen mit geringerer wahrgenommener Gewaltbelastung berichten häufiger von einer konsequenten Null-Toleranz-Politik gegenüber Gewalt als stark belastete Schulen. Daraus lässt sich keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten. Der Befund zeigt jedoch, dass Regeln erst durch verlässliche Umsetzung organisatorisch wirksam werden.
Berlin hat die Ergebnisse gemeinsam mit Wissenschaft, Schulpraxis und weiteren Beteiligten in zwei Workshops beraten. Am 3. September 2026 stellte die Senatsverwaltung 13 zentrale Maßnahmen als ersten Aufschlag vor. Weitere Maßnahmen aus dem gemeinsamen Arbeitsprozess sollen noch beraten und konkretisiert werden.
Berlin leitet 13 Maßnahmen aus den Ergebnissen ab
Der Plan verbindet frühe Prävention mit klareren Verfahren bei Gewalt- und Krisenvorfällen. Zu jeder Maßnahme nennt Berlin einen Start oder einen Zeithorizont.
| Nr. | Vorhaben | Genannter Zeithorizont |
|---|---|---|
| 1 | TLG+ und Familienklassenzimmer bedarfsgerecht berlinweit ausbauen | Start sofort |
| 2 | Präventionsangebote bedarfsgerechter einsetzen und eine Positivliste qualitätsgesicherter Angebote aufbauen | Beratung sofort, Positivliste schrittweise über drei Jahre |
| 3 | Eine digitale Präventions- und Beratungsplattform für Jugendliche und Eltern entwickeln | Erste Schritte bis zu den Herbstferien 2026, insgesamt zwei Jahre |
| 4 | Lern- und Entwicklungsgespräche um soziale Belastungen, Beziehungen und Konflikte erweitern | Sechs Monate |
| 5 | Verbindliche Mindeststandards für Schul- und Hausordnungen entwickeln | Mindestens ein Jahr |
| 6 | Ein Wertelotsenprogramm gegen Antisemitismus, Extremismus und religiös aufgeladene Konflikte aufbauen | Sechs Monate |
| 7 | Eine intensivpädagogisch-therapeutische Jugendhilfeeinrichtung für hochkomplexe Fälle aufbauen | Ein Jahr |
| 8 | Präventionskonferenzen als schulische Krisen- und Koordinationsgremien einführen | Sechs Monate bis ein Jahr |
| 9 | Einen einheitlichen Maßnahmenkatalog für Regelverstöße, Gewalt- und Krisenvorfälle bereitstellen | Sechs Monate bis ein Jahr |
| 10 | Eine verbindliche Reaktions- und Dokumentationskette für schwere Gewaltvorfälle schaffen | Start sofort |
| 11 | Schulische Beratungsteams bei komplexen Fällen um feste Ansprechpersonen der Jugendämter erweitern | Sechs Monate |
| 12 | Ein verbindliches Stufenverfahren gegen Schulabsentismus mit einheitlicherer Bußgeldpraxis schaffen | Sechs Monate bis ein Jahr |
| 13 | Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen überprüfen und die Voraussetzungen für verbindliche Anti-Gewalt-Trainings klären | Ein bis zwei Jahre |
Der vollständige 13-Punkte-Plan ordnet die Maßnahmen den Bereichen Prävention, Intervention und Repression zu. Die genannten Vorhaben sind angekündigt. Ihre konkrete Ausgestaltung und Umsetzung muss deshalb von bereits geltenden Verfahren unterschieden werden.
Präventionskonferenzen und klare Handlungsketten verbinden die Ebenen
Für die schulische Organisation sind besonders die Maßnahmen 8 bis 11 relevant. Präventionskonferenzen sollen vorhandene Daten und Entwicklungen betrachten und daraus Maßnahmen für die einzelne Schule ableiten. Ein einheitlicher Maßnahmenkatalog soll festlegen, welche unmittelbaren und weiterführenden Schritte auf Regelverstöße, Gewalt- und Krisenvorfälle folgen.
Bei schweren Vorfällen plant Berlin zudem eine verbindliche Reaktions- und Dokumentationskette. Sie reicht nach dem veröffentlichten Plan von Sofortschutz und Elternkontakt über Meldung und Fallkonferenz bis zur Nachsorge. Bei komplexen Fällen sollen Schule und Jugendhilfe Maßnahmen, Verantwortlichkeiten und einen Überprüfungstermin gemeinsam festhalten.
Damit greift Berlin eine zentrale Schwierigkeit aus dem Gewaltbarometer auf. Prävention, akute Intervention und Nachbereitung brauchen unterschiedliche Fachlichkeit, müssen aber organisatorisch zusammenpassen. Ein landesweiter Rahmen kann dafür Orientierung schaffen. Die einzelne Schule muss Zuständigkeiten und Abläufe weiterhin auf ihre Situation und die geltenden Vorgaben übertragen.
Was Schulen und Schulträger daraus prüfen können
Für einzelne Schulen liefert das Gewaltbarometer keine fertige Maßnahmenliste. Es bietet aber sinnvolle Prüffragen für bestehende Konzepte.
- Stimmen Schul- und Hausordnung, Präventionskonzept und Krisenabläufe miteinander überein?
- Sind Melde-, Beratungs- und Unterstützungswege für Schülerinnen, Schüler und Beschäftigte bekannt und erreichbar?
- Ist geregelt, wann pädagogische Bearbeitung ausreicht und wann Schulleitung, Jugendhilfe, Polizei oder weitere Stellen einbezogen werden?
- Gibt es klare Rollen für Sofortschutz, Kommunikation, Dokumentation, Fallberatung und Nachsorge?
- Werden digitale Konflikte in Präventions- und Interventionswegen berücksichtigt?
- Sind Alarm- und Krisenwege für Lagen vorbereitet, in denen pädagogische Maßnahmen nicht mehr ausreichen?
Digitale Alarmierung ist dabei nur ein Teil der Krisenorganisation. Sie kann vorbereitete interne Informationen und Rückmeldungen in einer akuten Lage unterstützen. Sie ersetzt weder pädagogische Prävention noch Beratung, Polizei, Rettungsdienst oder landesspezifische Vorgaben.
Der Wissensbeitrag Gewaltprävention an Schulen ordnet Prävention, organisatorische Vorbereitung und technische Unterstützung dauerhaft ein. Die Berliner Primärquellen dokumentieren die Ergebnisse des Gewaltbarometers und die daraus angekündigten Maßnahmen.